Gotisches Sonnenrad und Rosen - eine Tür mit Geschichte

Auch wenn wir unsere gemeinsame Reise damit schon im Herzen Weidenhausens starten, für mich gibt es keinen besseren Startpunkt als die wunderschöne Tür des Hauses Weidenhäuser Straße 50 mit den faszinierenden Rosen. „Ja die Kombi fasziniert jeden,“ lacht auch Stefan, als ich mich an einem sonnigen Dienstagmorgen mit ihm davor treffen. Stefan hat sich bereit erklärt mir mehr über seine Tür zu verraten.

Er und sein Mann haben das Haus vor 12 Jahren gekauft und basteln seit dem daran herum. Das Haus zählt zu den ältesten erhaltenen Häusern in Weidenhausen. „Jedes Haus in der Weidenhäuser Straße ist das Älteste,“ erklärt Stefan lachend. Aber der Gewölbekeller ihres Hauses stammt aus der Spätromanik-Frühgotik, im Dachstuhls gibt es eine frühgotische Sparrenverbindung. Diese ist in der Form nur für etwa 70 Jahre gemacht worden. Der Mittelbau des Hauses wurde etwa um 1300 gebaut, darüber gibt es schriftliche Quellen von ca. 1340. Das Vorderhaus wurde in der Übergangszeit Gotik zu Barock gebaut. Damit ist das Gebäude eines der ältesten Bürgerhäuser von Marburg.  Erst in der Gründerzeit wurden die beiden Häuser über eine Treppenhaus zu einem Haus verbunden. Heute erhaltenswert.  Alles innendrin rauszureißen, was eigentlich nicht zu einem Fachwerkhaus gehört. Und alles in Lehmbauweise wieder zu machen. Alte Balken freizulegen, mit Lehm zu verputzen, alte Holzdielen wieder freizulegen. Obwohl das Haus nicht unter Denkmalschutz steht dürfen die Besitzer es von außen nicht in eine Fachwerkoptik versetzen. Denn das Haus hat Fassadenschutz. „Wir sind kein Denkmal, wir sind kein Einzeldenkmal, wir sind kein Kulturdenkmal – jetzt kommt es: wir sind ein Einzel-Kulturdenkmal. Das heißt wir stehen unter besonderem Schutz.“ Die verputzte Fassade stammt aus der Zeit als Marburg preußisch wurde. Damals zeugte Fachwerk von Armut und einem armseligen Leben. Daher wurden dann viele Häuser in der Stadt, auch in der Weidenhäuser Straße, verputzt. Die älteste Aufnahme des Hauses zeigt dieses mit verputzer Fassade, aus diesem Grund stehen die Verputzung und der Farbton unter Denkmalschutz.

Aber zurück zur Tür. Diese stammt aus der Barockzeit, wurde also irgendwann zwischen 1640 und 1680 gefertigt. Auffälligstes Element ist das gotische Sonnenrad im unteren Teil. „Früher gab es die Auflage, dass alle Türen in Marburg im gleichen dunkelbraun gestrichen sein mussten,“ erklärt Stefan. Vor ein paar Jahren hat er die Tür abgeschliffen und in den heutigen Zustand versetzt. „Sehr zum Wesensleid der Anlieger, der umliegenden Geschäfte. Drei Tage lang mit ner Maschine EEEEEHAU, von morgens 10 bis nachmittags um 16-17. Die sind fast wahnsinnig geworden,“ beschreibt er lautmalerisch. Wie auch immer, die Arbeit hat sich gelohnt. Zusammen mit dem Rosenstock, neben dem sich die Blütenpracht direkt hochrankt, bildet sie einen beliebten Fotospot. Und der zieht auch Hochzeitspaare an. „Die Brautpaare stellen sich dann direkt vor die Tür und lassen sich fotogarfieren.“ Diesen Ansturm erträgt die Tür stoisch, wie auch schon in den Jahrhunderten zuvor. Denn das Haus ist nicht nur alt, es blickt auch auf eine wechselvolle Geschichte. Hier befand sich einst eine der ersten Bäckereien in Marburg. Später waren im Haus eine Wirtschaft, eine Herberge, ein Kolonialwarenhandel, eine Weinhandlung, ein Feinbackwarenladen und eine Gaststätte untergebracht, wie Stefan fast atemlos aufzählt.

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