Mit zwanzigminütiger Verspätung starten wir zur Exkursion. So viel zur finnischen Pünktlichkeit, ;-). Nee, im Ernst das Auto einer Dozentin hatte eine Panne. Die knapp zweistündige Fahrt verläuft ohne Zwischenfälle, sieht man mal von den gelegentlichen “Ahs” und “Ohs” der Mädels ab, die bei jeder Rentiersichtung ertönen. Und die Sichtungen dieser niedlichen Tierchen häufen sich je mehr wir uns unserem Ziel nähern. Die meisten grasen im Gehölz am Straßenrand, von tierischen Straßensperren bleiben wir verschont. Ansonsten lassen wir lappische Landschaften und vor allem Wälder vorbei ziehen, ;-). Untermalt wird das ganze von Erklärungen unserer Dozenten. Vor allem Minna ist klasse. Jeder zweite Satz enthält den Ausdruck “finnisch Lappland”. Wenn ich für jede Erwähnung einen Euro bekommen würde, wären die nächsten Wochen finanziert.

Wandern im Märchenland

Unsere erste Station ist der Pyhä-Luosto Nationalpark. Genauer gesagt dessen Naturzentrum. Dort bekommen wir zunächst eine kurze Erläuterung zu Park und Landschaft, dann gibt es eine 15-minütige Dia-Show, um in die Atmosphäre des Parks zu allen Jahreszeiten einzutauchen. Der Art eingestimmt beginnen wir unsere Wanderung in den Park. Unser erstes Ziel ist eine Grillstelle. Da wollen wir unser Mittagessen einnehmen. Allerdings stoppen wir auf dem Weg dorthin mehrfach. Minna erläutert uns einige Fakten zum Baumwuchs und natürlich wird die obligatorische Beerenpause eingelegt. Bald mampft die ganze Truppe Blau-, Preisel- und Maulbeeren. Kurz drauf sind wir dann an der Laavu, der finnischen Grillhütte. Andere Wanderer haben das Feuer schon angeheizt und so brauchen wir unsere Würstchen nur auf Stäbe stecken und bruzzeln lassen. Hm, der Duft ist genial. Und er zieht nicht nur menschliche Fleischfresser an. Bald werden wir von Vögeln belagert, die uns regelrecht beklauen. Aber wir wurden ja vorgewarnt und eigentlich sind die Diebe ganz niedlich.

Nach dem Grillen wandern wir über Holzplanken ins Moor. Unser Ziel ist ein Aussichtsturm, aber in diesem Falle stimmt das Sprichwort vom Weg als Ziel hundertprozentig. Denn die Landschaft ist atemberaubend. Neben und unter den Holzplanken befinden sich orange-braune Moose und einige Baumstämme, darüber schwebt ein blauer Himmel mit weißen Wolken, die staunend zu verharren scheinen. Vielleicht bewundern sie auch die Szenerie? Das super Wetter hebt nicht nur die Laune, sondern zaubert auch die tollsten Spiegelungen auf die Wasserflächen. Ich kann es nicht anders sagen, es ist magisch. Ganz zauberhaft wäre es nur, wenn man unseren Amerikaner zum Verstummen bringen könnte. Sein Dialekt hallt doch etwas unschön in meinen Ohren, ;-).

Auf eine ganz andere, eigene Art magisch ist die Isokuru-Schlucht. Sie befindet sich zwischen zwei Fjells. Das aus dem Norwegischen stammende Wort bezeichnet in der deutschen Sprache Gebirgstypen im Norden und Westen Skandinaviens. Diese Gebirgszüge wurden während der Eiszeit abgeschliffen, so dass ihnen die Spitzen fehlen. Trotzdem sind die Fjells in Finnland immerhin noch 400-800 Meter hoch. Die beiden Fjells im Nationalpark begrenzen die Schlucht sehr eindrucksvoll. An ihren Hängen türmen sich teils große Gesteinsbrocken auf, teils wachsen spärliche Birkenwäldchen und an einigen Stellen haben sich sehr klare Seen gebildet. Während der Wanderung durch die Schlucht fühle ich mich in ein Fantasy-Land versetzt. Es würde mich nicht wundern, wenn hinter der nächsten Ecke plötzlich Atreju, Fuchur und Hobbits gemütlich zusammensitzen und picknicken. Daher sehe ich auch großzügig darüber hinweg, dass irgendwer dem 17 Meter hohen Wasserfall am Ende der Schlucht, heute den Hahn abgedreht hat, ;-).

Vorsichtige Bestechung auf der Rentierfarm

Nach dieser Traumwandlung hüpfen wir in den Bus und fahren zur nahegelegenen Kopara Rentierfarm. Dort geht dann auch uns Jungs das Herz über, als wir den niedlichen Tieren nahe kommen und sie aus unseren Händen fressen. Vor allem Jamie, ein Schotte, entdeckt eine neue Liebe. Falls es mit der Juristerei nicht klappt, gibt es ja jetzt eine Alternative. Aber auch ich füttere die Tierchen gerne. Natürlich gebe ich vor, dass alles nur für gute Fotos zu tun, aber insgeheim macht es schon Spaß, ;-). Ein Rentier hat eine rote Nase, das füttere ich besonders gut. Schließlich muss es den Weihnachtsmann zu mir hinleiten, ;-). Im Anschluss an die Fütteraktion erklärt uns der Rentierzüchter einiges über Rentiere und sein Leben. Für ihn ist der Tourismus mittlerweile eine wichtige Einnahmequelle, nur von der Zucht kann er nicht leben. Die Subventionen der EU liegen bei ca. 20 Euro, für Schafe gäbe es laut seinen Angaben 120 Euro, aber er mag deren Laute nicht. Interessant sind vor allem seine Ausführungen zu den Geweihen der Rentiere. Beide Geschlechter bekommen welche. Die Männchen brauchen sie zum Kämpfen und verlieren sie nach der Brunft. Die Weibchen behalten ihre länger, damit sie anschließend für sich und ihre Kinder gute Futterplätze sichern können. Weibchen, die nicht schwanger sind, verlieren ihre Geweihe auch früher. Die Wunder der Natur, ;-). Bevor aber die Brunft bald beginnt, muss erst noch die Haut vom Geweih. Wir haben schon einige Rentiere mit blutigen Geweihen gesehen, sie rüsten also auf, ;-).

Sauna im Blockhaus

Unter einem Blockhaus hatte ich mir zwar etwas anderes vorgestellt, denn dieses Haus beherbergt insgesamt etwa 12 Appartements, aber die einzelnen Wohneinheiten sind klasse. Die Einrichtung ist aus hellem Holz und im Bad wartete eine Sauna. Doch bevor wir diese nutzen, stehen noch zwei Aufgaben an. Die eine ist Abendessen und erweist sich als sehr witzig. Vor allem da wir schottische Essgewohnheiten bewundern können. Jamie, unser Mann von der Insel, kämpft mit dem Gemüse in seinem Salat. Zunächst wundert er sich über die Tönung seiner Paprika, die sind ihm zu orange. Dann bemerkt er, dass es Möhren sind, die ihm ja gar nicht schmecken, ;-). Anschließend entdeckt er Zucchini für sich, zumindest denkt er das zunächst. Bis er feststellt, dass er das vermeintlich neue Gemüse doch unter einem anderem Namen schon kennt, die Enttäuschung ist groß, ;-). Anschließend “wandern” wir zum Supermarkt und holen Bier. Den Laden erreichen wir gerade noch rechtzeitig, nachdem wir drin sind folgt uns ein Mitarbeiter und schaltet hinter uns in jedem Gang die Lichter aus. Ein deutliches Zeichen, aber Hauptsache wir bekommen unser Bier, ;-). Denn das brauchen wir für die Sauna. Aber bevor wir dahin flüchten, verfolgen wir noch die amerikanisch-bulgarische Polit-Debatte. Irgendwann wird uns der Spaß aber zuviel und Niko, Christian und ich verziehen uns in die Sauna. Niko weiht uns in die finnische Sauna-Tradition ein. Das heißt wir bleiben eine Zeit in der Sauna, sitzen dann in Handtücher gehüllt draußen auf der kalten Terrasse und hüpfen wieder ins Warme. Bei dritten Mal werden wir jeder von einer Dose Bier begleitet. Hm, Bier ist ganz gut in der Sauna, allerdings wird es schnell warm, ;-). Der Rest des Abends klingt mit netten Gesprächen aus.

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